Patricia Schlesinger

Patricia Schlesinger (2018)
Patricia Schlesinger mit ihrem Großvater Artur Schlesinger und seinem Enkel Alexander (1970)

Patricia Schlesinger (* 14. Juli 1961 in Hannover) ist eine deutsche Journalistin und Fernsehmoderatorin. Seit 1. Juli 2016 ist sie Intendantin des RBB, vom 1. Januar 2022 bis zum 4. August 2022 war sie zudem Vorsitzende der ARD. Sie trat Anfang August 2022 von diesen Ämtern zurück, nachdem Medienberichterstattung Vorwürfe öffentlich gemacht hatte, sie habe mehrfach Spesen zu Unrecht abgerechnet sowie Vergünstigungen angenommen, und sie dadurch auch politisch unter Druck geraten war. Als Intendantin befindet sich Schlesinger bis zur endgültigen Beendigung des Dienstverhältnisses im Urlaub. Kurz nach ihrem Rücktritt wurde die Aufnahme eines staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahren gegen sie bekannt. Vor ihrem Wechsel zum RBB war sie ab 2007 Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation des NDR Fernsehens. Seit Juni 2019 ist sie ferner Vorsitzende des Aufsichtsrats der ARD-Produktionsfirma Degeto Film.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Patricia Schlesinger wuchs in einer von Politik und den politischen Verhältnissen geprägten Familie auf: Ihr Vater Peter Schlesinger floh in den 1950er Jahren aus der DDR und war Direktor bei der Preussag;[1][2][3] ihr Großvater Artur Schlesinger war als Politiker der DDR-Blockpartei LDPD Volkskammerabgeordneter und sächsischer Gesundheitsminister;[1] und ihre Urgroßmutter Rieke fand im Konzentrationslager Theresienstadt den Tod.[4][5]

Schlesinger besuchte das Gymnasium in Bad Nenndorf und machte 1980 ihr Abitur. Anschließend studierte sie Wirtschaftsgeographie, Politische Wissenschaft sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Hamburg. Währenddessen war sie 1983 freie Mitarbeiterin beim NDR und beim Hamburger Abendblatt. 1984 setzte sie ihr Studium in Aix-en-Provence fort.[1]

Nach dem Diplom in Hamburg absolvierte Schlesinger 1988/89 ein Volontariat beim NDR; 1990 wurde sie Reporterin des ARD-Magazins Panorama.[1]

Von 1995 bis 1997 war sie Leiterin des ARD-Auslandsstudios in Singapur, wo sie für die Berichte aus zwölf Ländern Südostasiens zuständig war.[1] 1997 kehrte Schlesinger zurück und übernahm bis Ende Juni 2001 die Moderation von Panorama. Zugleich war sie ab 1999 Leiterin der Auslandsredaktion Fernsehen. Sie war auch häufig beim Satire-Magazin extra 3 zu sehen und moderierte mehrere ARD-Brennpunkte. Im August 2001 wechselte Schlesinger als Nachfolgerin von Robert Hetkämper als Auslandskorrespondentin ins ARD-Studio Washington.[6][7] 2004 kehrte sie nach Hamburg zurück und wurde Leiterin der Abteilung Ausland und Aktuelles beim NDR. Ihr Ehemann, der Journalist Gerhard Spörl, war in dieser Zeit USA-Korrespondent des Spiegels in Washington und wurde nach der gemeinsamen Rückkehr nach Hamburg von Januar 2005 bis 2010 Ressortleiter Ausland in der Hamburger Spiegel-Zentrale. Schlesinger übernahm im März 2006 die Leitung der NDR-Abteilung Dokumentation und Reportage des Programmbereichs Kultur. Ab 7. Mai 2007 war sie die Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation.

Im April 2016 wurde Schlesinger nach sechs Wahlgängen zur Intendantin des RBB gewählt. Ihr Gegenkandidat war Theo Koll.[8] Sie trat ihr Amt am 1. Juli 2016 an.[9] Am 10. September 2020 wurde sie ohne Gegenkandidaten für eine zweite Amtszeit gewählt.[10] Am 6. Juni 2019 wurde sie als Nachfolgerin von Lutz Marmor zur Aufsichtsratsvorsitzenden der ARD-Produktionsfirma Degeto Film gewählt.[11] Am 1. Januar 2022 übernahm sie von Tom Buhrow als erste RBB-Intendantin das Amt der ARD-Vorsitzenden. Schlesinger gab am 4. August 2022 den ARD-Vorsitz und am 7. August 2022 den RBB-Vorsitz vorzeitig wieder ab.[12][13][14]

Schlesinger ist seit 1999 mit dem Journalisten Gerhard Spörl verheiratet und Mutter einer Tochter (* 2000).[15]

Spesenaffäre und Rücktritt 2022[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verwaltungsrat des RBB genehmigte unter Führung von Wolf-Dieter Wolf der Intendantin 2021 eine Erhöhung ihres Gehalts um 16 Prozent auf 303.000 Euro, zusätzlich soll sie 2021 einen Bonus von „mehr als 20.000 Euro“ erhalten haben.[16] (Zum Vergleich: Die anderen ARD-Intendanten erhalten zum Zeitpunkt der Recherchen zur Affäre zwischen 281.000 Euro (Radio Bremen) und 413.000 Euro (WDR)[17] und jeweils keine Boni.[16])

Als dies im Sommer 2022 bekannt wurde, wurde Unmut unter den Freien Mitarbeitern des Senders laut, bei denen gespart worden war.[18] Außerdem wurden geschäftliche Verbindungen zwischen Schlesingers Ehemann und dem Verwaltungsratschef des RBB kritisiert und ihr Vetternwirtschaft vorgeworfen.[19]

Mitte Juli 2022 gaben die RBB-Revision und die Compliance-Beauftragte des RBB eine externe Prüfung durch die Kanzlei Lutz Abel in Auftrag. Die Landesrechnungshöfe von Berlin und Brandenburg teilten mit, dass sie beabsichtigen, den RBB gemeinsam zu prüfen. Der Rechnungshof Berlin hatte den RBB zuletzt 2018 geprüft. In dessen Jahresbericht 2018 kritisierte man den RBB unter anderem für übermäßige Gehaltserhöhungen und Sonderzahlungen.[20]

Der Hauptausschuss des Brandenburger Landtages führte am 19. Juli eine Sondersitzung mit dem Tagesordnungspunkt Beraterverträge und Spesenaffäre im Zusammenhang mit der RBB-Intendantin durch. Dazu war die RBB-Führung mit Intendantin, Friederike von Kirchbach als Vorsitzende des Rundfunkrates, Wolf-Dieter Wolf als Verwaltungsratschef bzw. Dorette König als Vizechefin des Verwaltungsrats geladen. Die RBB-Führung erschien nicht zur Sondersitzung. Dies führte zu massiver Kritik im Parlament.[21]

Kurze Zeit später wurde bekannt, dass Schlesinger einen luxuriösen Miet-Dienstwagen vom Typ Audi A8 mit Sonderausstattung wie Massagesitzen hatte – Listenpreis rund 145.000 Euro. Der Hersteller hatte ihr dafür einen Rabatt von 70 Prozent eingeräumt. Schlesinger durfte ihren Dienstwagen und die Leistungen der beiden Chauffeure auch privat nutzen; andere ARD-Intendanten hingegen nicht. Auch Freunde und Familienangehörige nutzten den Wagen. Auch die Abrechnung von dienstlichen Abendessen in ihrer Berliner Privatwohnung wird inzwischen geprüft.[22]

Am 4. August 2022 trat Schlesinger mit sofortiger Wirkung als ARD-Vorsitzende zurück.[23] Sie hatte das Amt am 1. Januar 2022 angetreten; die Amtszeit dauert in der Regel zwei Jahre. Ihre Geschäfte übernahm vorübergehend der Intendant des WDR, Tom Buhrow.[24] Am 7. August 2022 trat sie auch als RBB-Intendantin zurück.[25][26] Am 8. August 2022 gab die Staatsanwaltschaft Berlin bekannt, dass sie Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue (§ 266 StGB) und der Vorteilsannahme (§ 331 StGB) gegen Schlesinger aufgenommen hat.[27]

Nach ihrem Rücktritt ist Schlesinger nach wie vor Intendantin, ist jedoch bis zur endgültigen Beendigung des Dienstverhältnisses beurlaubt und nimmt keine Aufgaben für den Sender mehr wahr.[28][29][30]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Patricia Schlesinger – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Patricia Schlesinger im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  2. Gerhard Spörl: "Es muss noch etwas anderes geben als Angst und Sorge und Herrn Hitler": Die Liebesgeschichte von Artur und Grete. Rowohlt E-Book, 2016, ISBN 978-3-644-12321-2, S. 209 (google.de [abgerufen am 10. August 2022]).
  3. Ines Eifler: Erste Görlitzer Rede wird zum Plädoyer gegen Angst. In: Sächsische Zeitung, Ausgabe Görlitz. 6. Mai 2022, S. 16 (saechsische.de).
  4. Carlheinz von Brück: Im Namen der Menschlichkeit: Bürger gegen Hitler. Buchverlag Der Morgen, Berlin (Ost) 1964, DNB 450645940, S. 123.
  5. Gerhard Spörl: "Es muss noch etwas anderes geben als Angst und Sorge und Herrn Hitler": Die Liebesgeschichte von Artur und Grete. Rowohlt E-Book, 2016, ISBN 978-3-644-12321-2, S. 204 und 210 (google.de [abgerufen am 10. August 2022]).
  6. Patricia Schlesinger: Ein Porträt: Eine Journalistin will nach oben. In: tagesspiegel.de. 5. Juni 2001, abgerufen am 1. Januar 2022.
  7. Patricia Schlesinger: Zur Person. In: Welt am Sonntag. 25. Mai 2003, abgerufen am 1. Januar 2022.
  8. Schlesinger wird neue RBB-Intendantin. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. April 2016, abgerufen am 7. April 2016.
  9. Patricia Schlesinger wird neue Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb). In: rbb-oline.de. 7. April 2016, abgerufen am 1. Januar 2022.
  10. Kurt Sagatz: Alte, neue RBB-Intendantin: Patricia Schlesinger mit 26 Stimmen wiedergewählt. In: Der Tagesspiegel. 11. September 2020, abgerufen am 11. September 2020.
  11. Neue Personalien bei der ARD Degeto: Patricia Schlesinger ist die neue Vorsitzende des ARD-Degeto-Aufsichtsrats, Christoph Pellander tritt als Abteilungsleiter Redaktion & Programm-Management an. In: Degeto Film GmbH über presseportal.de. 21. Juni 2019, abgerufen am 1. Januar 2022.
  12. „Sind vielleicht zu spät auf Impfvorbehalte eingegangen“. In: Der Tagesspiegel. 1. Januar 2022, abgerufen am 1. Januar 2022.
  13. Patricia Schlesinger: rbb-Intendantin übernimmt ARD-Vorsitz. 22. September 2021, abgerufen am 1. Januar 2022.
  14. „Patricia Schlesinger will noch heute den ARD-Vorsitz abgeben“. In: dwdl. 4. August 2022, abgerufen am 6. August 2022.
  15. Günter Fink: Häufig Sehnsucht. Als Korrespondentin für die ARD lebte und arbeitete sie in Washington. Doch die Liebe der Journalistin gehört Hamburg. In: Welt am Sonntag. 25. März 2003 (welt.de [abgerufen am 11. März 2016]).
  16. a b Geheim-Bonus, frisierte Spesenabrechnungen und ein RBB-Chauffeur für den Ehemann: Neue Dokumente belasten Patricia Schlesinger. Abgerufen am 9. August 2022.
  17. Hans-Christian Dirscherl: Rundfunkbeitrag: So viel verdienen die Intendanten (Update: Staatsanwalt ermittelt). In: www.pcwelt.de. 9. August 2022, abgerufen am 9. August 2022.
  18. Sebastian Engelbrecht: Vorwürfe gegen RBB-Intendatin Patricia Schlesinger. RBB setzt Untersuchungskommission ein. In: Medienmagazin '@mediasres. Deutschlandfunk, 13. Juli 2022, abgerufen am 27. Juli 2022.
  19. Michael Hanfeld: Vorwürfe gegen RBB-Chefin: Ist das Filz? In: FAZ.NET. 8. Juli 2022, abgerufen am 27. Juli 2022.
  20. Verwaltungsrat schließt sich Compliance-Prüfung an. In: tagesspiegel.de. 14. Juli 2022, abgerufen am 9. August 2022.
  21. Kein Verständnis für Patricia Schlesingers Fernbleiben. In: tagesspiegel.de. 19. Juli 2022, abgerufen am 9. August 2022.
  22. ARD-Chefin nahm 70 Prozent Rabatt von Audi mit. n-tv, 27. Juli 2022, abgerufen am 29. Juli 2022.
  23. Nach Vorwürfen gegen Intendantin rbb gibt ARD-Vorsitz frühzeitig ab. Auf: tagesschau.de vom 4. August 2022.
  24. Kurt Sagatz, Markus Ehrenberg: Schlesinger tritt als ARD-Vorsitzende zurück. In: Der Tagesspiegel Online. 4. August 2022, abgerufen am 6. August 2022.
  25. Georg Altrogge, Thore Barfuss: RBB-Intendantin Patricia Schlesinger reicht Rücktritt ein. welt.de, 7. August 2022, abgerufen am 7. August 2022.
  26. rbb-Intendantin Schlesinger tritt zurück. In: tagesschau.de. Tagesschau, 7. August 2022, abgerufen am 7. August 2022.
  27. Alexander Fröhlich: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Schlesinger, ihren Mann und RBB-Chefkontrolleur. In: Der Tagesspiegel Online. 8. August 2022, abgerufen am 8. August 2022.
  28. Julius Betschka, Benjamin Lassiwe: Wer muss noch gehen beim RBB? Schlesinger-Affäre weitet sich auf weitere Führungskräfte aus. In: Der Tagesspiegel. 10. August 2022, abgerufen am 10. August 2022.
  29. Top-Manager tritt in Schlesinger-Affäre von weiterem Posten zurück. In: Focus Online. 10. August 2022, abgerufen am 10. August 2022.
  30. Julian Würzer: Politik fordert von Schlesinger Verzicht auf Abfindung. In: morgenpost.de. 10. August 2022: „Während im Vordergrund die Aufarbeitung der Affäre läuft und Schlesinger offiziell beurlaubt ist, führt man hinter den Kulissen Verhandlungen über eine Vertragsauflösung.“